#19/20 Mutare

Die unendliche Geschichte

Es war einmal ein kleiner Nerd, namens Klein-Tammo, der sich in den Kopf gesetzt hatte, eins der sehr seltenen Mutare für seine geliebte Rolleiflex zu besorgen…

…also zog er los, um sein Glück zu finden. Allerdings entpuppte sich das Unterfangen schnell sehr viel komplizierter als erwartet. Obwohl das Schicksal es anfangs gut mit ihm zu meinen schien. Bei seinem beinahe allwöchentlichen Besuch bei Meister Museler kamen sie ins Gespräch, dass Klein-Tammo auf Suche nach einem 0,7er Mutar sei. Kaum ausgesprochen, verschwand Meister Museler und kehrte alsbald mit einem Lederholster nebst beider existierender Mutare zurück.

Klein-Tammo vermochte sein Glück kaum zu fassen und konnte nur einen Tag später die gesuchten Schätze – einzeln wollte Meister M sie nicht hergeben – sein Eigen.

Zuhause angekommen wurden sowohl Weitwinkel- als auch Televorsatz gründlich unter die Lupe genommen. Äußerlich befanden sich beide in absoluten top Zustand, auf dem 0,7x war lediglich ein Schmierfilm im unteren Drittel der großen Linse zu sehen. Das sollte allerdings für einen flüssigen Objektivreiniger keine sonderliche Herausforderung darstellen.

Doch weit gefehlt! Nach einer gewissen Einwirkzeit sollte alles mit einem Reinigungspapierchen abgewischt werden können. So rieb Klein-Tammo und er rieb, um schlussendlich erschrocken festzustellen, dass die milchige, schmierige Stelle nicht verschwunden war, sondern sich gar vergrößert hatte.

Also, alles wieder eingepackt und ab zu Meister Museler. Selbst verwundert, diesen Mangel übersehen zu haben, bot er peinlich berührt an, den Kauf rückgängig zu machen. So schnell wollte Klein-Tammo allerdings nicht die Flinte ins Korn werfen. Meister M verwies zur Diagnose auf den Optiker seines Vertrauens, der sich auch umgehend bereit erklärte, einen Blick auf die Linse zu werfen. Schnell war klar, die fünf Jahrzehnte hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Vergütung löste sich in ihre Bestandteile auf.

Mutar mit sich lösender Vergütung
Schmierfilm im unteren Drittel

Glücklicherweise gibt es die Glasmanufaktur noch und vielleicht würde sie mit Lösungsvorschlägen aufwarten können. Nach Klein-Tammos E-Mail gingen ein paar Tage ins Land bis tatsächlich eine Antwort mit den Kontaktdaten eines potentiellen Servicepartners. Gleichzeitig wurden allerdings auch Zweifel ob der Wirtschaftlichkeit des Unterfangens gesät.

Derart motiviert rief er den genannten Kontakt an: „kein Anschluß unter dieser Nummer!“. Auch im Internet waren nur alte Einträge zu finden. Ärgerlich, aber nicht das Ende der Welt, sofern Carl Zeiss einen weiteren, noch existierenden Kontakt hätte. Hatten sie und zwar einen in Görlitz.

Dem folgenden Telefongespräch konnte Klein-Tammo zwei Dinge entnehmen:

  • Zeiss muss dringend seine Kontakte auf Vordermann bringen, denn auch diese Firma ist nicht zuständig.
  • In Görlitz gibt es tatsächlich jemanden, der vielleicht helfen kann.

Klein-Tammo schrieb eine E-Mail an das Optiklabor Dr. Prenzel. Nachdem selbiger zurückgerufen hatte, keimte zum ersten Mal so etwas wie Hoffnung. Sofern die Demontage reibungslos verlaufen würde, könne er das Glas polieren und zusammen mit einer Charge seiner eigenen Linsen neu vergüten. Der genannte Preis klang zudem äußerst akzeptabel.

Trotzdem blieb eine gehörige Portion Skepsis. Noch könnte alles zurück abgewickelt werden, nach einem missglückten Reparaturversuch eher nicht.

Meister Museler würde die Kosten für die Überarbeitung der Linse übernehmen. Zuvor wollte er allerdings mithilfe eines Testfilms prüfen, ob der Makel sich überhaupt auf den Bildern bemerkbar machen würde…nach Entwicklung & Scannen war klar, dass das Mutar entweder nach Görlitz oder in die Schrottpresse musste.

Zwischenzeitlich hatte Klein-Tammo in der italienischen Bucht ein weiteres Mutar mit passendem Bajonettanschluss, aber insgesamt erbärmlichem Gesamtzustand inkl. beschädigtem Coating für „kleines“ Geld erstehen können. Das als Testballon an oben genanntes Optik-Labor versandt wurde. Im Erfolgsfall würde es verkauft, bei Misserfolg abgeschrieben werden.

Ca. drei Wochen gingen ins Land, bis das italienische Mutar zurückkehrt und Klein-T mag sein Glück fast nicht glauben, das Glas sieht aus wie neu.

Den ersten Weitwinkelaufnahmen stand jetzt nur noch der verbogene obere Bajonettanschluss im Weg. Aber das sollte doch eine Kleinigkeit sein, oder? Eine Kamerabörse und eine stundenlange Recherche in der Bucht förderten kein passendes Ersatzteil zutage, sodass der Odyssee eine Fortsetzung drohte. Während des Besuchs bei der Familie seiner Freundin fand er einen Feinmechaniker in Breslau. Dieser wollte und konnte für 100 PLN (ca. 23 Euro) helfen. Gleich nach Rückkehr in Bielawa begab sich Klein-Tammo auf die Suche nach der ersten geeigneten Motiven und wenn er nicht gestorben ist, dann sucht er wohl noch heute…Fortsetzung folgt!

Rolleiflex 3,5f mit angeschlossenem 0,7x Mutar
Fast neu, abgesehen von den beiden Dellen

#16 Infrarot analog

Erste Gehversuche

Fasziniert von den vielen tollen Landschafts- und Architekturaufnahmen auf Instagram und Co mit dem Hashtag #infrared, wollte ich mich irgendwann auch damit auseinandersetzen. Anfänglich war mir aber nicht klar, wie komplex dieses Thema werden kann, v.a. wenn das Ganze auf Film passieren soll und nicht digital und schon gar nicht in der Nachbearbeitung.
Wie kann ein IR-Bild aussehen? Blattgrün wird sehr hell bis weiß dargestellt und der Himmel beinahe schwarz.

Die Wahl des richtigen Films

Nach ersten Recherchen stellte sich heraus, dass es heute fast keine „echten“ Infrarotfilme mehr zu kaufen gibt. Für viel Geld bekommt der IR-Fan zwar umkonfektioniertem Kodak-Film, ein echter Infrarotfilm. Dieser Film ist allerdings so lichtempfindlich, dass er am besten in absoluter Dunkelheit in die Kamera eingelegt und bei gleichen Gegebenheiten wieder herausgenommen werden sollte. Auf den Punkt gebracht, das ist nichts für mich, zumal Lagerung und Verarbeitung ebenfalls Tücken mit sich bringen.

Bei der Filmsuche stieß ich unweigerlich auf den Rollei Infrared 400 und den Ilford SFX 200, beides Filme, die bis in den Infrarotbereich hinein sensibilisiert sind, aber nicht das komplette Spektrum abdecken. Dadurch können die Rollen im Schatten oder in dämmerigem Licht ohne Probleme eingelegt werden. Wegen eines Artikels von Wolfgang Mothes fiel meine Wahl schließlich auf den Ilford, den für mich richtigen Film.

Das restliche Equipment

Neben dem richtigen Film wird auch ein IR-Filter für die Kamera benötigt, ansonsten sehen die Bilder im Anschluss wie normale s/w Aufnahmen aus. Warum dem so ist, kann ebenfalls dem Artikel von Wolfgang Mothes „Märchenhaft monumental“ entnommen werden.
Glücklicherweise bin ich in der Bucht vor einiger Zeit auf einen sehr schwer zu findenden Rollei-IR Filter mit passendem Bajonettanschluss für meine Kamera gestoßen und habe zugeschlagen.

Rollei Infrarot BII

Durch die unterschiedliche Wellenlänge des infraroten Lichts, muss normalerweise eine Fokuskorrektur passieren, ansonsten sind die Bilder später unscharf. Laut Datenblatt soll es der Filter von Rollei überflüssig machen, da er die Fokusverschiebung kompensiert.

Neben Filter, Film und Kamera sind ein Stativ und ein Selbstauslöser mehr als sinnvoll, da die n notwendigen Belichtungszeiten aufgrund des starken Filters nicht mehr verwacklungsfrei aus der Hand geschossen werden können. Eine Gegenlichtblende gegen unerwünschte Reflexe ist ebenfalls sinnvoll.

Ein externer Belichtungsmesser ist natürlich ebenso Pflicht.

Wann ist die beste Zeit?

Infrarotaufnahmen sollen v.a. im Frühling und Anfang Sommer, wenn alles schön grünt, gelingen. Der Morgen oder späte Nachmittag mit strahlendem blauem Himmel sind prädestiniert. Zur Zierde mit ein paar schön anzuschauenden Wolken versehen und tollen Aufnahmen steht nichts mehr im Wege.

Die erste Rolle Film

An Karfreitag war das Wetter endlich so, wie ich mir das vorgestellt habe und zudem sprießt es überall. Also, zuhause den Film in die Kamera gepackt und es konnte losgehen. Als erstes marschierte ich zur Fußgängerbrücke über die Unistraße, diese führt leicht geschwungen auf den Exzenterturm zu und soll als führende Linie fungieren. Außerdem ist sie von Bäumen gesäumt, sodass mit Glück ein wenig des Wood-Effekt zu sehen sein wird.

Danach versuchte ich die Aufnahme aus Woche 9 „blaue Stunde“ in IR erneut aufnehmen und weiter ging es zum Planetarium. Leider war kein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen, sodass der Kontrastumfang sich auf den Stahlhelm vor dem beinahe schwarzen Himmel beschränkt.

Zu Fuß ist es von hieraus nicht weit zum Stadtpark und dem Bismarckturm. Vielleicht dachte ich mir, sieht der langsam grün werdende Park von oben interessant aus, außerdem könnte ich einige Sehenswürdigkeiten mit auf die Bilder bekommen. Allerdings war der Blick weniger spektakulär als gedacht, sodass ich wenig Hoffnung auf eine gute Ausbeute habe.

Filmentwicklung

Hierbei bin ich mir leider noch nicht wirklich sicher, wie ich das bewerkstelligen soll, weil ich den oben verlinkten Artikel von Hr. Mothes nicht exakt verstehe. Er schreibt, dass er den Belichtungsmesser aufgrund des starken Filters auf 6 ASA einstellt. Die spätere Entwicklung führt er ebenfalls auf dieser Filmempfindlichkeit durch, wenigstens verstehe ich es so. Ich würde nun auf Nennempfindlichkeit entwickeln. Das gibt mir einmal mehr ein Rätsel auf, zumal ich keine Lust habe, die Negative zu versauen.

Naja, in der Hoffnung auf Erleuchtung habe ich ihn angeschrieben, um möglichst zeitnah Ergebnisse, statt einem leeren Filmstreifen präsentieren zu können.

Zur Not habe ich den empfohlenen Entwickler bestellt, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein.

Endlich sind sie da und ich bin wirklich zufrieden, obwohl die Schärfe nicht immer zu 100% gesessen hat.

Bei der ersten Aufnahme hatte ich wirklich Schwierigkeiten über die Mattscheibe zu fokussieren, da ich zuviel Lichteinfall durch den Schachtsucher hatte.

# 03 Verunglückte Spiegelung

Spieglein, Spieglein…

„Vorbereitung ist das halbe Leben“ Wer wurde noch nicht von irgendwelchen Schlaumeiern darauf aufmerksam gemacht? In diesem konkreten Fall zeigt sich leider, dass sehr viel Wahres in oben genannter Redewendung steckt.
Diese Woche wollte ich mithilfe einer glänzenden Oberfläche eine möglichst unverzerrte Spiegelung fotografieren. Mit einigen glasierten Fliesen für Unter- und Hintergrund sollte das doch zu machen sein.
Also habe ich samstags kurzerhand meinen Fliesenfachberater angerufen, anstelle persönlich hinzugehen (hätte 5 Minuten gedauert) und habe ihm geschildert, dass ich eine dunkle, glänzende Fliese bräuchte. Er fragte noch, ob sie ein wenig Struktur haben dürfe? Ich bejahte, ließ mir den Karton bringen und bezahlte schließlich ohne einmal in den Karton geschaut zu haben.

Sonntags morgens lege ich alles bereit, packe die Fliesen aus, wasche den Schutzfilm runter. Dann wird mir klar, auf der Oberfläche werde ich schon Schwierigkeiten haben, meinen Hauptdarsteller überhaupt gerade hinzustellen, geschweige denn eine tolle Spiegelung zu erhalten.

Baby Rolleiflex mit 127 Rollfilm Crossbird

Schlussendlich war ich mit dieser Perspektive halbwegs zufrieden, der Hintergrund ließ sich weit genug abdunkeln, um nicht störend zu wirken, nur die Spiegelung konnte ich leider nicht wunschgemäß umsetzen. Wobei wir bei eingangs erwähnten Schlaumeiern wären, die sich jetzt sicherlich bestätigt fühlen.