#16 Infrarot analog

Erste Gehversuche

Fasziniert von den vielen tollen Landschafts- und Architekturaufnahmen auf Instagram und Co mit dem Hashtag #infrared, wollte ich mich irgendwann auch damit auseinandersetzen. Anfänglich war mir aber nicht klar, wie komplex dieses Thema werden kann, v.a. wenn das Ganze auf Film passieren soll und nicht digital und schon gar nicht in der Nachbearbeitung.
Wie kann ein IR-Bild aussehen? Blattgrün wird sehr hell bis weiß dargestellt und der Himmel beinahe schwarz.

Die Wahl des richtigen Films

Nach ersten Recherchen stellte sich heraus, dass es heute fast keine „echten“ Infrarotfilme mehr zu kaufen gibt. Für viel Geld bekommt der IR-Fan zwar umkonfektioniertem Kodak-Film, ein echter Infrarotfilm. Dieser Film ist allerdings so lichtempfindlich, dass er am besten in absoluter Dunkelheit in die Kamera eingelegt und bei gleichen Gegebenheiten wieder herausgenommen werden sollte. Auf den Punkt gebracht, das ist nichts für mich, zumal Lagerung und Verarbeitung ebenfalls Tücken mit sich bringen.

Bei der Filmsuche stieß ich unweigerlich auf den Rollei Infrared 400 und den Ilford SFX 200, beides Filme, die bis in den Infrarotbereich hinein sensibilisiert sind, aber nicht das komplette Spektrum abdecken. Dadurch können die Rollen im Schatten oder in dämmerigem Licht ohne Probleme eingelegt werden. Wegen eines Artikels von Wolfgang Mothes fiel meine Wahl schließlich auf den Ilford, den für mich richtigen Film.

Das restliche Equipment

Neben dem richtigen Film wird auch ein IR-Filter für die Kamera benötigt, ansonsten sehen die Bilder im Anschluss wie normale s/w Aufnahmen aus. Warum dem so ist, kann ebenfalls dem Artikel von Wolfgang Mothes „Märchenhaft monumental“ entnommen werden.
Glücklicherweise bin ich in der Bucht vor einiger Zeit auf einen sehr schwer zu findenden Rollei-IR Filter mit passendem Bajonettanschluss für meine Kamera gestoßen und habe zugeschlagen.

Rollei Infrarot BII

Durch die unterschiedliche Wellenlänge des infraroten Lichts, muss normalerweise eine Fokuskorrektur passieren, ansonsten sind die Bilder später unscharf. Laut Datenblatt soll es der Filter von Rollei überflüssig machen, da er die Fokusverschiebung kompensiert.

Neben Filter, Film und Kamera sind ein Stativ und ein Selbstauslöser mehr als sinnvoll, da die n notwendigen Belichtungszeiten aufgrund des starken Filters nicht mehr verwacklungsfrei aus der Hand geschossen werden können. Eine Gegenlichtblende gegen unerwünschte Reflexe ist ebenfalls sinnvoll.

Ein externer Belichtungsmesser ist natürlich ebenso Pflicht.

Wann ist die beste Zeit?

Infrarotaufnahmen sollen v.a. im Frühling und Anfang Sommer, wenn alles schön grünt, gelingen. Der Morgen oder späte Nachmittag mit strahlendem blauem Himmel sind prädestiniert. Zur Zierde mit ein paar schön anzuschauenden Wolken versehen und tollen Aufnahmen steht nichts mehr im Wege.

Die erste Rolle Film

An Karfreitag war das Wetter endlich so, wie ich mir das vorgestellt habe und zudem sprießt es überall. Also, zuhause den Film in die Kamera gepackt und es konnte losgehen. Als erstes marschierte ich zur Fußgängerbrücke über die Unistraße, diese führt leicht geschwungen auf den Exzenterturm zu und soll als führende Linie fungieren. Außerdem ist sie von Bäumen gesäumt, sodass mit Glück ein wenig des Wood-Effekt zu sehen sein wird.

Danach versuchte ich die Aufnahme aus Woche 9 „blaue Stunde“ in IR erneut aufnehmen und weiter ging es zum Planetarium. Leider war kein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen, sodass der Kontrastumfang sich auf den Stahlhelm vor dem beinahe schwarzen Himmel beschränkt.

Zu Fuß ist es von hieraus nicht weit zum Stadtpark und dem Bismarckturm. Vielleicht dachte ich mir, sieht der langsam grün werdende Park von oben interessant aus, außerdem könnte ich einige Sehenswürdigkeiten mit auf die Bilder bekommen. Allerdings war der Blick weniger spektakulär als gedacht, sodass ich wenig Hoffnung auf eine gute Ausbeute habe.

Filmentwicklung

Hierbei bin ich mir leider noch nicht wirklich sicher, wie ich das bewerkstelligen soll, weil ich den oben verlinkten Artikel von Hr. Mothes nicht exakt verstehe. Er schreibt, dass er den Belichtungsmesser aufgrund des starken Filters auf 6 ASA einstellt. Die spätere Entwicklung führt er ebenfalls auf dieser Filmempfindlichkeit durch, wenigstens verstehe ich es so. Ich würde nun auf Nennempfindlichkeit entwickeln. Das gibt mir einmal mehr ein Rätsel auf, zumal ich keine Lust habe, die Negative zu versauen.

Naja, in der Hoffnung auf Erleuchtung habe ich ihn angeschrieben, um möglichst zeitnah Ergebnisse, statt einem leeren Filmstreifen präsentieren zu können.

Zur Not habe ich den empfohlenen Entwickler bestellt, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein.

Endlich sind sie da und ich bin wirklich zufrieden, obwohl die Schärfe nicht immer zu 100% gesessen hat.

Bei der ersten Aufnahme hatte ich wirklich Schwierigkeiten über die Mattscheibe zu fokussieren, da ich zuviel Lichteinfall durch den Schachtsucher hatte.

# 09 Blaue Stunde

Architektur zur blauen Stunde

Endlich eine Gelegenheit eine Bulb-Belichtung mit meiner Rolleiflex zu machen.
Das Exzenterhaus habe ich schon mehrfach fotografiert, weil es mich fasziniert und vielleicht auch, weil es nur ein paar Minuten zu Fuß ist.
Die Perspektive, die es dieses Mal werden sollte, ist nicht weiter spektakulär oder einzigartig, aber ich wollte sie schon lange selbst umsetzen.

Damit sich jeder etwas unter dem Gebäude, liebevoll auch Bandscheibenvorfall genannt, vorstellen kann, hier ein altes Bild von mir, damals noch mit der Canon EOS600D und der 1.8er Plastikscherbe.

Exzenterhaus Bochum durch die Glaskugel
Canon EOS600D | 50mm | f1.8

Mit Stativ bewaffnet bin ich kurz vor 18 Uhr losgezogen, laut der App Photopills sollte die blaue Stunde gegen 18:30 Uhr enden, um ausreichend Zeit zu haben. Es muss schließlich nicht immer so busy sein, wie in der vorherigen Woche.
Einmal um den Exzenter herumgelaufen, immer wieder durch die Kamera geschaut, um den richtigen Spot und den schönsten Blickwinkel zu finden.

Anmerkung am Rande: Ich setze die Kamera meist erst dann aufs Stativ, wenn ich meine Perspektive gefunden habe. Ansonsten siegt die Faulheit und die besten Kompositionen gehen an einem vorbei.

Spot gefunden, Kamera aufgebaut, mit der App mylightmeter die korrekten Einstellungen ermittelt. Im Anschluss musste nur noch der Schwarzschildeffekt einkalkuliert werden und alles auf die Kamera übertragen werden.

Anmerkung: Mehr Infos zum Schwarzschildeffekt gefällig? Eine knappe Definition findet sich auch auf wikipedia.

Ich bin gespannt, ob durch die Belichtungsmessung auf die Schatten, die Lichter nicht ausgebrannt sind. Film hat aber eigentlich, gerade der Portra nach oben Spielraum, sodass ich guter Dinge bin, es spätestens in der digitalen Dunkelkammer richten zu können.

Jetzt heißt es nur noch warten, bis die fertigen Bilder aus dem Labor zurück sind…

Exzenterhaus zur blauen Stunde
Rolleiflex | Kodak Portra 160 | f11 | 7,8 Sek.

…da ist es. Mir gefällt es gut, auch wenn es keine spektakuläre Aufnahme des Exzenterhauses ist. Sieht ein bißchen nach einem Roboter aus, oben die beiden leuchtenden Augen.